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Rund um den Augapfel: Eine Revue in 80 Tests

Benjamin Walther hat den Blinden Fleck mancher Kollegen entdeckt: Seine umfangreiche Augenglasbestimmung hingegen bietet den optimalen Techniktransfer. Von Nils Schiffhauer

Kurioser Anblick, wie sie sich da anstoßen; vom Straßenschild weiter, immer weiter zurücktreten, bis auf die verschlafene Straße: „Und ich kann sogar den Text unter dem Schild immer noch lesen!“ Doch in Leer ist man derlei Auftritte gewohnt. Denn in der Fußgängerzone der Stadt zwischen Leda und Ems hängt Benjamin Walther seine Zunftfahne hinaus, mit dem auch für Schwachsichtige gut lesbarem selbstbewussten Schriftzug „Der Augenoptiker“; nur echt mit bestimmtem Artikel. Hier hatten sich die Herrschaften vor dem Straßenschild gerade ihre neue Brille aufsetzen lassen. Nun mustern sie den weiten ostfriesischen Himmel, der sich in zuvor nie gesehener Plastizität über dem Hafen spannt. Sehhilfeträger seit ihrer Einschulung vor mehr als einem halben Jahrhundert, hatten sie sich ihre Gleitsichtbrillen der letzten 15 Jahre mit Blick auf das Spitzenprogramm von Essilor und Zeiss im Fachhandel anmessen lassen und waren damit mehr als zufrieden. Doch nun sind sie glücklich. Und das liegt an einer besonders sorgfältigen Art von Techniktransfer.

„Die Hersteller von Gläsern habe ihre Technik in den letzten Jahren mit unglaublich geringen Toleranzen stetig weiter perfektioniert“, hat der Ingenieur der Augenoptik beobachtet, „doch mit ihrer Augenglasbestimmung schöpfen nicht alle Kollegen diese Möglichkeiten komplett aus.“ Wer jedoch genau weiß, welche Abbildungsfehler jedes einzelne Auge aufweist, kann den Gläsern auf Außen- wie Innenseite den optimalen Schliff geben, der sogar bei Gleitsichtbrillen die Augenbewegungen mit berücksichtigt. Klingt einfach, ist aber schwierig und zeitaufwendig. Rund eine Stunde Zeit müssen sich Fehlsichtiger und Optiker nehmen, bis jedes Detail des Strahlengangs von vertalgten Lidrändern über den Tränenfilm bis hin zu Verwachsungen des Augenhintergrundes in 80 Punkten erfasst ist. „So mache ich mir ein Bild von der Grenze der Sehleistung jedes Auges“, sagt der jungenhaft wirkende Optiker, den die Liebe nach Leer wehte. Erst mit diesem umfassenden Kenntnisstand sei eine optimale Korrektur möglich, sonst bleiben die technischen Möglichkeiten der hochpräzisen und selbst für ausgefeilt asphärische Formen individuell ansteuerbaren Schleifmaschinen der Industrie im Unscharfen.

Die hat natürlich selbst versucht, mit eigenentwickelten Messgeräten wie dem Zeiss- iProfiler in den Läden die beste Grundlage zu schaffen, um später dem Sehschwachen die geballte Kompetenz und Präzision von Wissenschaft und Technik auf die Nase zu setzen. Walther vertraut zwar dieser weitgehend automatisch ablaufenden Hochtechnologie, zieht aber auch gerne den von einem siebenjährigen Kunden geschenkten „Willibald Wackelkopf“ aus dem Schapp, um mit dieser wie ein Radiergummi auf dem Ende eines Bleistiftes sitzenden Clownsfigur im Motilitätstest die Beweglichkeit der vier geraden und zwei schrägen Muskeln jedes Augapfels zu prüfen. Walther begreift das einzelne Auge nicht allein als Camera obscura, sondern testet auch, wie beide Augen zusammenarbeiten. Die 1962 vom Augenoptiker Hans-Joachim Haase entwickelte Mess- und Korrektionsmethodik bei fixiertem Kopf erweiterte der Leeraner schon im Jahr 2002 zudem auf Messungen während Kopfbewegungen – wie sie im täglichen Leben sogar bei Gleitsichtbrillenträgern noch vorkommen sollen. Gesehen werde überdies mehr mit dem Gehirn: „Über die Hälfte unserer Hirnleistung verwenden wir auf die Verarbeitung visueller Reize“, sagt Walther, der nur zu oft beobachtet hat, wie eine bei (unzureichend korrigierten) Augenfehlern notwendige Kompensationsleistung schließlich den Denkmuskel erschöpft – was zu Migräne, Fehlhaltungen und Erscheinungen führen kann, die dann als Legasthenie oder Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom auftreten. Wer das ins Reich der Schamanen verweist, dem führt der Optiker Beispiele vor Augen, unter denen die Fehlzentrierungen vorhandener Brillen besonders eindrucksvoll und beinahe flächendeckend aufscheinen: „Eine richtige Zentrierung aber kann zu einem stärker dreidimensionalen Bild und sogar zu einem satteren Farbeindruck führen.“

Seine Augenglasbestimmung hat durch ihren Wechsel zwischen Hochtechnologie und einfach erscheinenden Gegenständen wie dem selbstgeschnitzten Olivenholzring mit seiner Öffnung („Landolt-Ring“ zur Bestimmung der Sehschärfe vor allem bei Kindern) beträchtlichen Erkenntnis- und sogar Unterhaltungswert. Und doch folgt die Revue der 80 Nummern einem genauen Drehbuch, in dem jeder einzelne Dialog zwischen Fehlsichtigem und Optiker das Gesamtbild schärft. Zuerst erfolgt mit dem Video-Infral von Zeiss, an dessen Entwicklung Walther mit seiner Diplomarbeit Anteil hat, eine Bestandsaufnahme der bisherigen Brille – ihre Zentrierung wird auf ein Zehntel Millimeter genau gemessen. Manche Ergebnisse sind bestürzend, denn umfassende Sorgfalt von der Bestimmung bis zum Einschleifen der Rohgläser in die gewünschte Fassung vertragen nur bedingt mit hurtigem Discount. An den Status schließen sich Untersuchungen und Messungen an, die jeder Brillenträger entweder kennt – wie der Sehtest mit dem Amsler-Gitter –, oder die er eben nicht bei jedem Optiker sieht – wie den Test auf verstecktes Schielen entsprechend der erwähnten modifizierten Methodik des Optikers Haase, jeweils getrennt für den Fern- und Nahbereich.

Walther setzt neueste Technik dort ein, wo sie das Ziel „besseres Sehen“ umfassend schärfer fokussiert. So belasten die Leuchtdioden seines Schweizer Spitzen-Spaltlampenmikroskops BQ 900 von Haag-Streit einerseits die Augen weniger und bieten andererseits ein farbtreues Bild verschiedener Abschnitte des Auges: „Zudem dokumentiere ich auch diese Untersuchung mit einer HD-Videokamera und zeige sie meinem Kunden.“ Informationen, die das bildverarbeitende Gehirn wiederum nutzt, weil sie es über manche Gründe für die Begrenzung seines Sehapparates informieren: Sehen ist wesentlich eine Tätigkeit des Denkorgans. Eine weitere Untersuchung misst das Auflösungsvermögen der Netzhaut, indem es Linienmuster auf die Retina projiziert. Wie gut der Kunde dieses sehen kann, notiert der Optiker als Maß für die Trübung des Strahlenganges – aber auch für Möglichkeiten wie Grenzen einer Korrektur durch Brillengläser.

An nicht nur dieses Limit versucht Optiker Walther seine Kunden möglichst dicht heranzuführen: „Die augenoptische Industrie hat herausgefunden, dass Unzufriedenheit mit Gleitsichtgläsern zu fast Dreivierteln durch unpräzise Augenglasbestimmungen hervorgerufen werden.“ Ein Problem, das jeweils unterschiedlicher Korrekturbedarf bei jedem einzelnen der beiden Augen sowie seine neun relevanten Blickrichtungen nochmals im wahrsten Sinne des Wortes schwindelerregend verschärfen.

Die Untersuchungsstunde mündet in einen Datensatz, nach dem Zeiss die Brillenglas-Rohlinge und nicht Brillen-Glasrohlinge, denn sie sind vielfach aus Kunststoff, höchst exakt schleift und mit Härtungs- sowie Antireflexschichten bedampft. Ein paar Tage später nimmt sie Roland Dubberke in der offenen Werkstatt des Optikers vorsichtig in die Hand und schleift sie präzise mit der 3D-CNC-Maschine in die gewählte Brillenfassung ein. Der gelernte Zahntechniker orientiert sich dabei für höchste Genauigkeit an der Permanentgravur der Gläser und nicht an den gröberen Markern, damit sich nicht noch im letzten Akt das Bild trübt. Das Stück, das Optiker Walther täglich aufführt, könnte unter so einigen Titeln laufen: „Technologietransfer zwischen Wissenschaft, Industrie und Handwerk“ wäre zwar wenig griffig, aber ebenso aussagekräftig wie „Vom Guten das Beste“ oder „Vom Glück der Lücke, die Filialisten lassen“. Es ist zudem ein Lehrstück über die Wertschätzung des eigenen Körpers, wenn dessen Besitzer sich zwischen Alufelgen und optimierter Sehhilfe souverän für letztere mit ihren 5000 Betriebsstunden je Jahr entscheidet. Tritt der so Neubebrillte auf die Straße, ist er sichtbar überwältigt – aber dieses öffentliche Staunen („Siehst auch Du die Drahtseile am Baukran, dahinten!?“) kennen die Leeraner ja schon.

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